Erlebnisse eines Newbies
Den folgenden Text habe ich nach der Rückkehr noch in der Nacht verfasst. Ich hoffe, es gefällt euch.
Im folgenden erwarten euch die Eindrücke eines Gasts und Spielleiters auf der Odyssee 2004. Die Schilderung geschieht aus der Parkett- oder Grabenperspektive wenn ihr so wollt. Kurz zu mir: Mit meinen 28 Jahren bezeichne ich mich in diesem Jahr als Con-Newbie. Rollenspiele beschäftigen mich zwar schon länger, nur Conventions hatte ich bis zur diesjährigen Leipziger Buch noch nicht besucht, wo ich dann vom PrO für die Odyssee begeistert wurde.
Freitag, 27.8. Vier Stunden nach dem Start in meiner westfälischen Heimat erreiche ich dank Sommerticket mit dem Zug die Hauptstadt unserer schönen Republik und für dieses Wochenende Austragungsort des Odyssee-Cons. Der Nahverkehr funktioniert auch wie in der Anfahrtsbeschreibung aufgeführt, so daß ich wenige Minuten vor der Eröffnung um 19 Uhr das Haus der Jugend "Albert Schweitzer" erreiche. Der Check-In gestaltet sich professionell und problemlos, die Location ist auch schnell erkundet. Ein Hauptsaal, kleinere Nebenräume für ruhigere Spiele, Übernachtungsmöglichkeiten. Eine Theke bietet Getränke, Salat, Brötchen, Chili con Carne und Kuchen an, so daß man sich um des leiblichen Wohls willen nicht unbedingt aus dem Haus bewegen muß. Zeitweise ergänzen Würstchen vom Grill das Angebot. Alles wichtige vorhanden. Ein Aushang verschafft Übersicht über die geplanten Runden und wird von der Orga auch schnell auf dem aktuellen Stand gebracht als Runden ausfallen oder verlegt werden. Hier entwickeln sich auch die ersten Diskussionen mit anderen Gästen, bei denen der Spielleiter- und Auswärtigenanteil noch recht hoch zu sein scheint. Nachdem die von mir angestrebte Call of Cthulhu-Runde leider durch den kurzfristigen Ausfall des Spielleiters entfällt, spreche ich das Team von Disaster Machine Productions auf Inspectres an, worauf sich für Freitag abend schnell eine Runde bildet, die von Robert geleitet wird. Diese entwickelt sich dank der motivierten Mitspieler sehr gut und schnell ist eine wilde Geisterjagd im Gange, die für unseren Geschmack ein wenig zu früh um kurz vor zwölf endet. Ein anschließendes Gespräch führt dazu, daß wir unter der Leitung von Jürgen, ebenfalls DMP-Team, das neue Werk des Inspectres-Autors, Lacuna, antesten. Das Setting wechselt von übernatürlich-ausgelassen zu düster-drückend, was auch recht leicht gelingt. Um drei Uhr früh werde ich dann zusammen mit den Leuten von DMP in der Burg einquartiert, was den Luxus kleinerer Zimmer und den Vorteil ungestörter Regeneration mit sich bringt. Hat Vorteile, sich als Spielleiter anzumelden.
Samstag, 28.8. Nachdem wir am nächsten Morgen knapp vor Öffnung des HdJ für Gäste eintreffen und auf den letzten Drücker am Frühstück teilnehmen können, ist es um 11 Uhr so weit. Der große Hauptraum hat sich recht gut gefüllt, es sind auch wesentlich mehr Berliner anwesend. An der Pinnwand werden die ersten Runden ausgehängt und auf Nachfrage erhalte ich für meine postapocalyptische Spielrunde einen Platz im Obergeschoß auf der Galerie. Die nächsten zehn Minuten vergehen mit dem Warten auf und Suchen nach Spielern, dann aber ist die Runde im Nu komplett. Die Spieler greifen ihre Charakterkonzepte recht schnell auf (kleine Charaktergeschichte als Handout). Nach einem ruhigen Einstieg nimmt die Geschichte zusehends Fahrt auf und hat bis zum Schluß einige Actioneinlagen und Lacher hervorgebracht. Infolge der fortgeschrittenen Zeit spielen wir das Abenteuer nicht ganz zu Ende und ich beginne nach einer Pause und dem Abendessen den zweiten Teil meines Tagesprogramms. Die Teilnahme an Workshops. Für mich neben den vielen Systemen das interessante Angebot auf dem Odyssee-Con. Wo sonst hat man Gelegenheit, die interessanteren Aspekte des Rollenspiels mal in einer Diskussion zu erläutern. Der erste Workshop, dem ich auch beiwohnen kann, ist die Entwicklung von Figuren für Prosa und Rollenspiel. Der Workshop wurde geleitet von Boris Koch, der Erfahrungen als Rollenspieler und Autor hat (war auch an der Nachtlesung beteiligt). Im Rahmen einer Einleitung umreißt er einige Herangehensweisen, Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen Rollenspiel und Prosa. Vieles davon wird durch Diskussion ergänzt. Es werden gute und für mich neue Ideen angesprochen, so daß sich der Schmierzettel vor mir schnell mit Stichworten füllt. Ein Praxisteil bildet den Abschluß. Für den nächsten Workshop konnte ich gleich sitzen bleiben, Spielleiterloses Rollenspiel von Daniela Niklas. Wie wirft man den ganzen Regelballast über Bord und erzählt gemeinsam eine Geschichte. Als Spielleiter mit eigener Kampagne erhoffe ich mir Möglichkeiten, wie ich meine Spieler auch für die Entwicklung der Hintergrundwelt aktivieren kann. Ich bekomme sogar noch einiges mehr, so daß der Verbrauch an Papier meinerseits wieder recht hoch ausfällt. Auch die anderen Teilnehmer nehmen die Ideen interessiert auf und es wird wieder lebhaft diskutiert. Ein Praxisteil mit anschließender Diskussion zu den konzeptuellen Schwächen und deren Lösungen beenden den Workshop, was der Begeisterung einiger aber keinen Abbruch tut, so daß sich Daniela zu einer Spontanrunde Engel nach DRASTIC-Konventionen (um es nicht als Regeln zu bezeichnen) nach dem Ende der Tombola bereit erklärt.
In der einstündigen Pause bis 22 Uhr gerate ich beim Warten auf Tombola und Versteigerung an einen Tisch mit Andreas (Chroniken von Baal) und Lars (Sturm) und erhalte in Disputform eine weitere Lektion über die Eleganz von Regelsystemen. O-Ton: Wozu brauchst du drei Seiten Spielleiterschirm und sieben Werte pro Waffe? *g Die Argumentation für schlanke und schnelle Regelsysteme akzeptiere ich, werde mein komplexes Regelwerk (Action! System) aber so lange beibehalten, wie meine Spieler daheim Spaß daran haben. Vor der Tombola erstehe ich schnell noch ein Inspectres-Regelwerk. Der nächste Aha-Effekt kommt während der Versteigerung, die mit der Tombola abwechselt. Zwei Stücke aus meiner kleinen Sammlung habe ich vorher mit Mindestgebot bei der Orga eingereicht. Wie ich im Verlauf schnell feststellen konnte, hatte ich die Mindestpreise viel zu hoch angesetzt. Der magische Einstiegspreis liegt bei einem Euro, wer es nicht weiß. Um diese Erfahrung reicher, bin ich mir nicht zu schade, den Preis öffentlich noch herabzusetzen. Im ersten Fall kommt ein Verkauf noch zustande, im zweiten Fall bin ich zu zaghaft beim Runtersetzen. Alte Abenteuer gehen für zwei Euro Einstieg nur weg, wenn sie Kultcharakter haben. Quintessenz: Eine Auktion soll Spaß machen. Dementsprechend braucht ein Einstiegspreis nach oben viel Luft, damit sich ein interessantes Gebot entwickelt, bzw. das Objekt sich überhaupt verkauft. Da ich im Verlauf der Auktion die von mir lange gesuchten Spiele "Götter, Riten und Dämonen" sowie Car wars erwerben konnte, verbuche ich die Auktion als Erfolg. Die anschließende mitternächtliche Engelrunde wächst noch zu einer vollen Gruppe an. Leider muß ich gehen, als die Sache am schönsten ist. Unsere Engelschar ist gerade geweiht worden, als sich die Fahrgemeinschaft zum Schlafplatz in der Burg formiert. Schweren Herzens verlasse ich die Runde, schwerere Gründe, nicht zuletzt körperliche Erschöpfung, geben aber den Ausschlag für einen Umzug zur Burg.
Sonntag, 29.8. Nachdem wir die Burg am nächsten Morgen für diesen Con entgültig hinter uns lassen, sich am Frühstückstisch eine scheinbar klassische Morgendiskussion mit viel Gealber über Constories entwickelt, ist es Zeit für meine letzte Spielrunde auf dieser Odyssee. Andreas Rexford und Raoul Langner leiten zwei Gruppen mit zwei verschiedenen Systemen (Chroniken von Baal, Warhammer Fantasy) in einem gemeinsamen Setting. Die Gruppen haben große Unterschiede im Temperament und in ihren Zielsetzungen (Zwerge vs. imperiale Steuereintreiber), was das erste Aufeinandertreffen sehr turbulent und zum sichtbaren Vergnügen der Spielleiter gestaltet. Schnell sind Systeme und Werte vergessen, Spieler diskutieren lautstark in character miteinander, daß es eine helle Freude ist. Trotz einiger Turbulenzen und nochmaliger Trennung der Gruppen gelingt es, für das Finale ein gemeinsames Ziel ins Auge zu fassen und das Abenteuer zur jeweiligen Zufriedenheit zu lösen. Die Heimfahrt trete ich zusammen mit Claudia und Andreas Rexford an, wobei Andreas und ich das angeregte Gespräch von Samstag abend fortsetzen können.
Was ich noch loswerden wollte: Nach der Leipziger Buchmesse und einem Forentreffen war die Odyssee mein erster "richtiger" Con. Meine Erwartungen wurden übertroffen. Ich habe einiges dazugelernt über Cons und Auktionen sowie interessantes Material erstanden. Ich habe eine Riesenmenge neue Ideen bekommen und den Drang mitgenommen, diese mit meiner Heimspielrunde alle mal auszuprobieren. Eine ganze Menge netter, interessanter, spielbegeisterter Leute habe ich kennengelernt und mich sehr gut aufgenommen gefühlt und freue mich schon darauf, im nächsten Jahr wieder zurück nach Berlin zu kommen, viele nette Gesichter wieder zu sehen und eine weitere Odyssee zu erleben.
Bedanken möchte ich mich vor allem bei der Orga der Odyssee. Für die nette Aufnahme, die Unterstützung für meinen Spielleitereinsatz bereits im Vorfeld der Odyssee, den Ablauf, der aus meiner Sicht reibungslos funktioniert hat und mir ein Maximum an Spielspaß und neuen Eindrücken beschert hat. Das gilt auch nicht zu knapp für den Auf- und Abbau, die Verköstigung und all die anderen Service-Leistungen, die so gut und diskret waren, daß sie nicht aufgefallen sind, die aber evtl. schmerzlich vermisst worden wären. Bedanken möchte ich mich auch bei den Ausrichtern der Workshops und den anderen Spielleitern, bei denen ich die Gelegenheit zu spielen hatte und natürlich den Mitspielern in meinen Runden.
Martin "Hotshot" Freund


